Alpenüberquerung 2023: Innsbruck – Torbole (420km, 14637Hm)
Sieben Tage, 420 km und 14.637 Höhenmeter von Innsbruck nach Torbole – von Murmeltier‑Momenten am Flatschjoch über hochalpine Pässe bis zum emotionalen Wetter‑Finale mit Gardasee‑Panorama.
Streckenübersicht:
- Tag 1: Innsbruck → Kematen (58 km, 2104 Hm) |
Tag 1 .gpx-Datei
Zähe Parkplatzsuche, Regenstart über alte Brennerstraße. Ab Brenner steil zum Flatschjoch: loser Militärweg bis 17 %, Murmeltier-Highlights. Technische Trailmeter, dann flotter Forstweg-Downhill. Pension Alpenrose sehr gut. - Tag 2: Kematen → Lüsen (63 km, 2400 Hm) |
Tag 2 .gpx-Datei
Kalt, wolkig. Langer, hochalpiner Anstieg zum Pfunderer Joch; letzte 100–200 Hm schieben, Schneefeld am Pass. Anspruchsvolle, aber lohnende Abfahrt; danach Pianer Kreuz via Straße/Platzer Alm und schöne Abfahrt nach Lüsen. Hotel Bergschlössl mit starkem Wellness. - Tag 3: Lüsen → St. Ulrich (44 km, 2270 Hm) |
Tag 3 .gpx-Datei
Magenprobleme, dennoch über Würzjoch (teils Forstweg). Große Runde: Schlüterhütte über Fornella mit 200–250 Hm Tragen; Wetterumschwung, Kälte. Danach langer, harter Schiebeaufstieg zur Brogles Alm (≈300 Hm + 100 Hm), final traumhafter Trail nach St. Ulrich. Hotel Reinell. - Tag 4: St. Ulrich → Cavalese (74 km, 1900 Hm) |
Tag 4 .gpx-Datei
Schonstart per Gondel zur Seiser Alm. Höhenweg via Almrosenhütte, Sonne am Mahlknechtjoch. Abfahrt nach Campitello, Radweg nach Moena; Karerpass via Forstweg, Karersee, Perlenweg nach Obereggen. Eigener Antritt statt Gondel zum Reiterjoch, schnelle Abfahrt nach Cavalese. Hotel La Roccia. - Tag 5: Cavalese → Levico (68 km, 2350 Hm) |
Tag 5 .gpx-Datei
Beste Bedingungen. Passstraße zum Manghen, dann ins Lagorai: Forstweg Richtung Passo Cadin, ab ~1700 m 400 Hm Schieben/Tragen. Höhenweg 461 zum Passo Cagnon: eine Stunde Geröllwuchten. Steile, teils unfahrbare Abfahrt, Brunnenstopp in Palú. Zähes, teils wanderwegiges Finale zur Van Spitz Alm, Gipfel Cima Storta, langer Downhill nach Levico. Hotel Bellavista. - Tag 6: Levico → Rovereto (57 km, 1580 Hm) |
Tag 6 .gpx-Datei
Sonnig. Variante über Centa S. Nicolò – Passo della Fricca – San Sebastiano – Passo Sommo. Espresso in Folgaria, dann 500 Hm zum Monte Finonchio auf alter Militärstraße. Grandioser Blick ins Etschtal und auf den Monte Altissimo. Schnelle Straßenabfahrt; Hotel Rovereto sehr empfehlenswert. - Tag 7: Rovereto → Torbole (56 km, 2033 Hm) |
Tag 7 .gpx-Datei
Regenfinale. Wolkenbruch bis Brentonico, Verpflegungsstopp, Kälte. Kurzer Schutz an der Malga Graziani, dann letzter Anstieg; auf den finalen 200 Hm Wetterdreher und Sonne am Gipfel mit Gardasee‑Panorama. Technischer Beginn der Abfahrt, anschließend Serpentinenstraße bis Torbole. Espresso, Weizen, Zielglück. Hotel Villa Clara
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Wichtiger Hinweis (bitte unbedingt lesen):
Ich kann keine Garantie geben, dass die Routen heute noch 1:1 genauso fahrbar sind. In den Alpen können sich Wege jederzeit ändern – zum Beispiel durch Baustellen, Sperrungen oder Naturereignisse (z. B. Erdrutsch). Ebenso kann ich nicht garantieren, dass eine Route für jede Person machbar ist – das hängt immer von Fitness, Tagesform und fahrtechnischer Erfahrung ab. Die Verantwortung für Planung, Einschätzung und Durchführung deiner Tour liegt daher vollständig bei dir.
In der Karte erlebst du die gesamte Alpenüberquerung, ergänzt durch zahlreiche Bilder der schönsten Highlights:
Einschätzung gesamthafte Transalp:
Kondition:
Fahrtechnik:
2023_Transalp_Gesamte Strecke.gpx
Erster Tag: Innsbruck – Kematen || 58km, 2104Hm
2023_Tag1_Innsbruck-Kematen
Startschuss 2023 – Parkplatz-Poker und Murmeltier-Grüße am Flatschjoch
Das Abenteuer Alpenüberquerung 2023 begann für mich extrem früh: Um 5:45 Uhr rollte ich in Regensburg vom Hof, um pünktlich um 8:45 Uhr in Innsbruck durchzustarten. Doch die Landeshauptstadt hieß mich erst mal mit einer Lektion in Sachen Stadtplanung willkommen.
Geduldsprobe in Innsbruck
Die Parkplatzsuche gestaltete sich schwieriger als jeder Alpenpass. Überall Anwohnerparkplätze! Nach einer nervenaufreibenden halben Stunde Hin- und Hergefahre entschied ich mich schließlich für den offiziellen Parkplatz in Wilten (50 € für 8 Tage). Teuer, aber sicher. Erst gegen 9:30 Uhr saß ich endlich im Sattel.
Regen-Ballett auf der Brennerstraße
Der Start war buchstäblich ins Wasser gefallen. Es regnete, und die ersten 300 Höhenmeter wurden zum „An- und Auszieh-Marathon“. Kaum war die Regenkombi an, kam die Sonne raus – ein ziemlich nerviges Spiel! Auf der alten Brennerstraße herrschte anfangs dichter Verkehr, was sich nach etwa 10 Kilometern glücklicherweise legte. Ein kleiner Umweg wegen einer Straßensperrung zwischen Ellbögen und Matrei brachte mich nicht aus der Ruhe, und in Matrei gab es zur Belohnung die erste wohlverdiente Wurstsemmel.
Das dicke Ende: Hoch zum Flatschjoch
Nach einem letzten Boxenstopp im Supermarkt in Gries am Brenner wurde es ernst. Kurz vor der italienischen Grenze geht es nochmal etwas steiler Berg auf bis man schließlich den Grenzstein erreicht. Kurz hinter dem Brennerpass zweigte der Weg Richtung Flatschjoch ab. Der erste Kilometer war noch zum Einrollen, doch dann zeigte der Berg seine Zähne: Ein steiler Wanderpfad zwang mich aus dem Sattel.
Danach ging es auf einem alten Militärweg weiter. Der lose, grobe Schotter und Steigungen von bis zu 17 % auf über 1.800 Metern Höhe forderten ihren Tribut. Ich musste öfters absteigen und kurze Verschnaufpausen einlegen. Doch die Mühe lohnte sich: In der Stille des Hochgebirges ließen sich sogar mehrere Murmeltiere blicken – ein magischer Moment, der die brennenden Waden sofort vergessen ließ!
Technik-Check im Abstieg
Oben am Flatschjoch angekommen: T-Shirt-Wechsel, tief durchatmen und ab in die Abfahrt Richtung Kematen. Die ersten Meter auf dem Wanderweg waren technisch anspruchsvoll und verlangten einige Absteiger, doch sobald der Forstweg begann, ging es im Highspeed dem Ziel entgegen.
Feierabend in der Alpenrose
Mein Quartier für die Nacht, die Pension Alpenrose, war ein Volltreffer. Herzliche Gastgeber und ein hervorragendes Abendessen für faire 80 € – genau das Richtige, um die Batterien nach diesem ereignisreichen ersten Tag wieder aufzuladen.
Zweiter Tag: Kematen – Lüsen || 63km, 2400Hm
2023_Tag2_Kematen-Lusen
Eisige Gipfel und Wellness-Glück – Das Pfunderer Joch bezwungen
Der zweite Tag startete um 8:15 Uhr unter einem wolkenverhangenen Himmel. Mit gerade einmal 10 Grad war es empfindlich kalt – ein herber Kontrast zum warmen Ausklang des Vorabends. Doch das Frieren hatte schnell ein Ende, denn der Berg rief sofort zum Dienst.
Die Wand zum Pfunderer Joch
Gleich zu Beginn servierte mir die Strecke 500 extrem steile Höhenmeter, die den Puls direkt ans Limit trieben. Erst danach flachte das Gelände etwas ab, bevor es in den finalen Anstieg zum Pfunderer Joch ging. Insgesamt galt es, satte 1.200 Höhenmeter am Stück zu knacken. Die dünne Luft und der Untergrund forderten auf den letzten 100 bis 200 Höhenmetern ihren Tribut: Hier hieß es wieder „Bike schieben“ bis zum Scheitelpunkt. Dennoch ist der Anstieg ein absoluter Traum, umringt von den mystischen wolkenverhangenen Gipfeln und einsamer Ruhe. Man hört nur das leichte Rattern der Kette, den Bach und gleicht einer Meditation.
Oben angekommen, erwartete mich eine hochalpine Winterlandschaft mit einem imposanten Schneefeld. Doch Zeit zum Genießen blieb kaum: Schlagartig zogen dichte Wolken auf und die Sicht verschlechterte sich.
Adrenalin im Abstieg
Der Start der Abfahrt war nichts für schwache Nerven. Das Queren der Schneefelder war tückisch und durchaus gefährlich. Sobald der Untergrund wieder fester wurde, entpuppte sich der Trail jedoch als echtes Highlight – fahrtechnisch anspruchsvoll, aber mit nur wenigen Absteigern ein riesiger Spaß! Nach dem technischen Teil ließ ich es auf der Hauptstraße ordentlich laufen und schoss förmlich hinunter nach Vintl. Hier stärkte ich mich erst mal und konnte am Dorfbrunnen meine Flaschen auffüllen.
Finale Richtung Lüsen
Nach einem schnellen Energienachschub im Supermarkt und ein paar entspannten Kilometern auf dem Radweg stand das Pianer Kreuz auf dem Programm. Die ersten 300 Höhenmeter auf Asphalt flogen nur so dahin. Ab dem Übergang zum Forstweg entschied ich mich für die Variante über die Straße Richtung Platzer Alm – eine gute Wahl, denn der Weg zum Pianer Kreuz hoch war landschaftlich wunderschön und flüssig zu fahren.
Die finale Abfahrt nach Lüsen war das Sahnehäubchen des Tages. Dort wartete die wohlverdiente Belohnung: Ein grandioses Hotel Bergschlössel mit einem riesigen Wellnessbereich für mich ganz allein. Im Pool mit Panoramablick und beim exzellenten Abendessen waren die Strapazen der Schneefelder am Pfunderer Joch schnell vergessen.
Dritter Tag: Lüsen – St. Ulrich || 44km, 2270Hm
2023_Tag3_Lusen-StUlrich
Der dritte Tag startete mit einer Lektion in Sachen Sportler-Ernährung: Ein zu üppiges Frühstück rächte sich prompt mit massiven Magenproblemen. Als ich um 8:30 Uhr im Sattel saß, um die ersten Meter Richtung Würzjoch in Angriff zu nehmen, war mein größter Gegner nicht der Berg, sondern die Übelkeit.
Der Kampf am Würzjoch
Die Auffahrt auf der Straße ist eigentlich angenehm zu fahren, doch mit dem flauen Gefühl im Magen wurde jeder Tritt zur Qual. Nach der Hälfte der Strecke verließ ich den Asphalt und bog auf einen Forstweg ab. Der Pfad fühlte sich stellenweise wie ein schmaler Wanderweg an, ließ sich aber erstaunlich flüssig bis zum Joch hochtreten. Das Beste daran: Die frische Waldluft schien zu helfen – die Übelkeit verzog sich langsam.
Beflügelt von der Besserung traf ich eine mutige Entscheidung: Ich nehme die große Runde! Doch die Dolomiten schenken einem nichts. Der Anstieg zur Schlüterhütte über die Fornella-Hütte entpuppte sich als harte Trage- und Schiebeaktion. Die ersten Meter lassen sich noch ganz gut treten und man teilt sich den Wanderweg mit sehr vielen Wanderen. Hier zeigte sich mal wieder, gegenseitige Rücksichtnahme und freundliches Grüßen zaubern alle ein Lächeln ins Gesicht. Dennoch musste ich bis zur Hütte ca. 200 bis 250 Höhenmeter das Bike schultern oder durch das Gelände wuchten.
Geduldsprobe und Kälteschock
An der Schlüterhütte angekommen, hoffte ich auf eine schnelle Stärkung, doch der Service ließ auf sich warten. Während ich auf mein Essen wartete, schlug das Wetter um: Die Wolken verdichteten sich, die Temperaturen auf 2.300 Metern fielen in den Keller. Also hieß es: Regenkombi an und Zähne zusammenbeißen. Die heiße Suppe war sehr schnell weg und ich wollte nur noch runter vom Berg. Die anschließende Abfahrt entschädigte jedoch kurzzeitig – ein schöner technischer Abschnitt, der richtig Laune machte.
Das „Schiebe-Finale“ zur Brogles Alm
Wieder im Tal angekommen, rollte es auf Waldwegen zunächst entspannt dahin und wer hätte es gedacht, der Wettergott meinte es gut mit mir und die Sonne kam heraus. Doch dann die Begegnung mit einem sehr netten Ehepaar: „Der Weg zur Brogles Alm? Vergessen Sie es, da müssen Sie fast nur tragen!“ Ich musste kurz sehr tief ein- und ausatmen, aber es gab kein Zurück. Hätte ich mal lieber die Höhenlinien genauer angeschaut. Wieder was für die nächste Alpenüberquerung gelernt. Und sie hatten recht: Satte 300 Höhenmeter pure Schinderei folgten. Der Pfad war verblockt, steil und kaum begehbar.
Selbst oben an der Alm war noch nicht Schluss – weitere 100 Höhenmeter Schieben standen an, bis der höchste Punkt endlich erreicht war. Doch dann kam das Finale: Ein traumhafter Trail spuckte mich nach all den Strapazen direkt in St. Ulrich aus. Müde, erschöpft, aber stolz auf die 2.270 bewältigten Höhenmeter, checkte ich in mein Hotel (Hotel Reinell) ein.
Mein Fazit: Die „große Runde“ über die Schlüterhütte und die Brogles Alm ist landschaftlich eine 10 von 10, aber man muss bereit sein, sein Bike sehr, sehr lange spazieren zu tragen!
Vierter Tag: St. Ulrich – Cavalese || 74km, 1900Hm
2023_Tag4_StUlrich-Cavalese
Über die Seiser Alm zum Karersee – Zwischen Panoramaglück und Sodbrennen
Der vierte Tag begann leider nicht ganz fit: Da mir am Vorabend noch ordentlich übel wurde, entschied ich mich für einen strategisch sanfteren Start und nahm die Gondel von St. Ulrich hinauf zur Seiser Alm. Wieder gut zu wissen, einen Plan B zu haben. Das Wetter zeigte sich mal wieder von seiner bewölkten Seite, was der mystischen Stimmung auf Europas größter Hochalm aber keinen Abbruch tat.
Höhenwege und Sonnenstrahlen
Statt direkt nach Saltria abzufahren, wählte ich den Höhenweg über die Almrosenhütte. Eine goldrichtige Entscheidung! Der Weg ist landschaftlich ein Traum. Als ich oben am Mahlknechtjoch ankam, brachen endlich die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke – genau der Motivationsschub, den ich brauchte. Am Ende hatte ich mir durch die Gondel zwar „nur“ etwa 300 Höhenmeter gespart, aber für den Magen war es die richtige Schonfrist.
Vom Karerpass zum Perlenweg
Die Abfahrt nach Campitello di Fassa war purer Genuss. Ein schöner Forstweg zum genießen und Pferde genossen ebenfalls die ersten richtigen Sonnenstrahlen. Im Ort legte ich einen wichtigen Boxenstopp ein: Brotzeit für die Kraft und etwas gegen mein Sodbrennen für das Wohlbefinden. Auf einem super ausgebauten Radweg rollte ich entspannt bis nach Moena, bevor die nächste Herausforderung wartete: der Karerpass. Ich hatte an dieser Stelle drei Möglichkeiten um mein nächstes Ziel Cavalese zu erreichen. Die geplante Route über den Karerpass und Reiterjoch, die Gondel in Predazzo zum Reiterjoch oder es weiter im Tal bis nach Cavalese rollen lassen. Nach kurzer Überlegung und das schöne Wetter, überzeugten mich die geplante Route zum Karerpass in Angriff zu nehmen. „Zu Not dreh ich einfach um“, dachte ich mir. Der Forstweg hinauf ist zwar knackig steil, aber technisch sauber zu fahren. Somit waren die ca. 400 Höhenmeter schnell bewältigt. Oben angekommen, belohnte mich die rasanten Abfahrt auf der Straße zum tiefblauen Karersee. Ein weiteres Highlight folgte sogleich: der Perlenweg nach Obereggen – flüssig, panoramareich und einfach schön zu biken.
Beißer-Modus am Passo Pampeago
In Obereggen angekommen, packte mich trotz der vorangegangenen Übelkeit der Ehrgeiz. Da eine gut asphaltierte Straße nach oben führte, ließ ich die Gondel links liegen und kurbelte die Höhenmeter aus eigener Kraft hoch. Die ersten Meter flogen nur so dahin, doch oben am Reiterjoch pfiff ein kalter Wind – also schnell die warmen Schichten drüberziehen!
Die anschließende Straßenabfahrt war extrem schnell und brachte mich in Rekordzeit Richtung Finale. Die letzten 150 Höhenmeter zum nächsten Übergang waren nur noch Formsache, bevor es im Tiefflug hinunter nach Cavalese ging. Bevor ich im Hotel eincheckte, entdeckte ich noch einen Brunnen – die perfekte Gelegenheit, um das Bike mit der Trinkflasche vom Staub des Tages zu befreien.
Tagesfazit: Ein Hotel (Hotel La Roccia) zum Wohlfühlen, nur beim Abendessen hätten die Portionen nach den 1.900 Höhenmetern im Sattel ruhig etwas großzügiger ausfallen dürfen 😉
Fünfter Tag: Cavalese – Levico || 68km, 2350Hm
2023_Tag5_Cavalese-Levico
Gipfel-Hopping im Lagorai – Zwischen Wiesenpfaden und Steinfeldern
Der fünfte Tag begrüßte mich endlich mit deutlich besserem Wetter. Aus den Fehlern der Vortage hatte ich gelernt: Das Frühstück fiel bewusst schmaler aus, um den Magen nicht wieder herauszufordern – die Taktik ging voll auf!
Der sanfte Start und die Wiesen-Wand
Der Tag begann fast schon entspannt. Die ersten 600 Höhenmeter am Manghenpass ließen sich auf der Passstraße wunderbar wegdrücken. Den Manghenpass bis nach Borgo zu folgen wäre meine zweite Option gewesen, doch anscheinend habe ich mich sehr gut erholt. Somit bog ich auf den Forstweg Richtung Passo Cadin und es änderte sich das Gelände ziemlich schnell. Bis auf etwa 1.700 Meter war die Welt noch in Ordnung und fahrbar, doch dann hieß es: Absteigen. Die restlichen 400 Höhenmeter bis zum Gipfel wurden zur reinen Schiebe- und Tragepassage über steile Wiesen und schmale Wanderpfade
Die Steinwüste am Höhenweg
Oben angekommen, traf ich eine Entscheidung, die ich kurz darauf fast bereut hätte: Um keine Höhe zu verlieren, wählte ich den Höhenweg 461 zum Passo Cagnon (Sattelenjoch). Die ersten fünf Minuten im Sattel waren herrlich, doch dann war Schluss. Der Pfad war so massiv mit großen Steinen blockiert, dass ich das Bike eine volle Stunde lang durch das Geröll wuchten musste. Erst am nächsten Pass gönnte ich mir eine ausgiebige Pause, um die brennenden Arme und Beine zu lockern. Die anschließende Abfahrt war so steil und technisch, dass ich auch hier immer wieder aus dem Sattel musste. Auch wenn ich in solchen Situationen oft Fluche und mich hinterfrage, warum ich mir diesen Weg ausgesucht habe, bereue ich kurz darauf wieder keine Entscheidung. Die Einsamkeit und unglaubliche Landschaft entschädigt einfach für alles. Relativ schnell hat man doch das kleine Örtchen Palú erreicht. Hier hatte man wieder die Gelegenheit am Dorfbrunnen seine Flaschen aufzufüllen bevor es zum letzten Anstieg losgeht.
Das zähe Finale zur Van Spitz Alm
Der nächste Anstieg auf Asphalt war dagegen purer Luxus und führte mich flüssig hinauf zur Van Spitz Alm. Nach einer eiskalten Spezi und einer kurzen Rast mobilisierte ich die letzten Reserven für die finalen 400 Höhenmeter. Die ersten 250 Meter liefen super an, doch dann die Überraschung: Obwohl die Karte etwas anderes versprach, verwandelte sich der Weg plötzlich in einen mühsamen Wandersteig. Sowas kann natürlich immer passieren.
Zugegeben: In diesem Moment war ich einfach nur noch genervt und entkräftet. Das ständige Auf und Ab und die ungeplanten Tragepassagen zehrten an den Nerven. Doch kurz darauf begleiteten mich Kühe ein Stück hinauf und schon war die schlechte Laune weg. Endlich am Cima Storta angekommten, wurden noch schnell Gipfelfotos gemacht und kam die finale Abfahrt hinunter nach Levico.
Hotel Bellavista
Sechster Tag: Levico – Roveretto || 57km, 1580Hm
2023_Tag6_Levico-Rovereto
Über den Monte Finonchio zum Gardasee-Tor – Panorama pur über Rovereto
Der sechste Tag empfing mich mit strahlendem Sonnenschein – die beste Motivation für die vorletzte Etappe! Mit 1.600 Höhenmetern und rund 50 Kilometern stand ein ordentliches Pensum auf dem Programm, das aber mit flüssigen Wegen und spektakulären Ausblicken belohnt wurde.
Kurbeln auf der Hochebene
Richtung Roveretto gab es zwei Möglichkeiten. Dieses Mal entschied ich mich über Centa S. Nicoló zum Passo des Sommo zu fahren und nicht über den bekannten Kaiserjägerweg. Den hatte ich bereits ein Jahr zuvor gewählt und war unglaublich schön. Ist man zum ersten Mal in der Gegend, würde ich den Kaiserjagdweg empfehlen. Der Tag begann geschmeidig. Die ersten 100 Höhenmeter waren schnell geschafft, und sobald die 1.000er-Marke geknackt war, konnte ich die Höhe entspannt bis nach Carbonare halten. Der Weg dorthin war wunderschön. Der kurze Steile Aufstieg zum kleinen Dörfchen Frisanchi hatte es in sich, aber ich habe selten so ein schönes und verschlafenes italienisches Dörfchen gesehen. Nach dem Passo della Fricca stieg der Adrenalinspiegel etwas an. Neben den längeren Tunnel führt eine kleine Straße vorbei mit Warnschildern gegen herunterfallende Gesteinsbrocken. Die Felswände machten auf mich einen guten Eindruck und konnte auch in diesen Abschnitt das Panorama genießen. Ein kleiner Zwischenanstieg von etwa 300 Höhenmetern führte mich hinauf zum Passo Sommo. Auf dem Weg passierte ich den Ort San Sebastiano – ein guter Tipp für alle, die noch Vorräte brauchen, denn dort gibt es einen kleinen, feinen Supermarkt. Oben am Pass gönnte ich mir eine gemütliche Brotzeit, bevor ich die Abfahrt nach Folgaria auf der Hauptstraße in Angriff nahm. Wenn ihr noch etwas zeit habt, rollt mal kurz durch Folgaria und genießt wie ich das italienische Flai bei einem Espresso.
Das Gipfel-Finale: Monte Finonchio
Nach einem stärkenden Espresso in Folgaria wartete die letzte große Herausforderung des Tages: der Monte Finonchio. Noch einmal 500 Höhenmeter am Stück! Nach Serrada beginnt das Strampeln auf einer alten Militärstraße. Doch die Anstrengung wurde oben mit einem der wohl besten Ausblicke der gesamten Tour belohnt. Man hat einen unglaublichen Weitblick über das gesamte Etschtal und direkt hinunter auf Rovereto. Sogar der mächtige Monte Altissimo am Gardasee war heute zum Greifen nah.
Ankunft im Trentino-Flair
Die Abfahrt war pure Belohnung: Rasant ging es auf der Straße hinunter Richtung Talboden. In Rovereto angekommen, wurde ich im Hotel Rovereto (einem traditionsreichen Haus direkt am Corso Rosmini) äußerst freundlich empfangen. Mein Zimmer war ein echter Glücksgriff – der perfekte Ort, um nach diesem Tag die Beine hochzulegen und die Vorfreude auf das morgige Finale am Gardasee zu genießen
Siebter Tag: Rovereto – Torbole || 56km, 2033Hm
2023_Tag7_Rovereto-Torbole
Das emotionale Finale – Durch die Regenwand zum Gardasee-Glück
Der letzte Tag begann um 7:00 Uhr mit einem skeptischen Blick aus dem Fenster. Der Plan: Warten, bis der Regen nachlässt. Laut Wetterbericht sollte um 9:00 Uhr Schluss sein – und tatsächlich, pünktlich zum Start klärte es etwas auf. Doch die Alpen hatten für das Finale andere Pläne.
Die Regenschlacht von Brentonico
Schon auf halber Strecke nach Brentonico fing es wieder an. Erst ein Nieseln, dann ein Wolkenbruch. In voller Montur – Regenhose und Jacke – kämpfte ich mich durch den immer stärker werdenden Guss. Ein kurzer Stopp im Supermarkt in Brentonico für Getränke und Brotzeit war die letzte Bastion der Zivilisation, bevor es in die Einsamkeit des Berges ging. Trotz der widrigen Bedingungen gab es kein Zurück: Der See rief.
Eisige Geduldsprobe an der Malga Graziani
Höhenmeter für Höhenmeter quälte ich mich durch die nasse Kälte. Auf 1.300 Metern wurde der Regen immer stärker, dass ich heilfroh war, an der Hütte Graziani (Malga Graziani) kurz Unterschlupf zu finden. Lange ausruhen durfte ich jedoch nicht – bei der Nässe kühlt man im Stillstand sofort aus. Also biss ich die Zähne zusammen und griff die letzten 400 Höhenmeter an.
Emotionen pur: Wenn die Wolken aufbrechen
Nach drei Stunden Dauerregen geschah das Wunder: Kurz nach dem ich die Hütte Graziani verlassen habe, wurde der Regen minütlich weniger und auf den letzten 200 Höhenmetern zum Gipfel hörte es plötzlich auf. Diese letzten Meter waren unglaublich emotional – die Erleichterung nach der Kälte und der körperlichen Tortur war fast greifbar. Und dann, oben angekommen, riss der Himmel endgültig auf. Die Sonne kam raus und gab den Blick frei auf ein unglaubliches Panorama über den gesamten Gardasee und die umliegenden Gipfel. In diesem Moment waren alle Qualen vergessen und konnte diesen Moment komplett für mich allein genießen. Mit trockenem Shirt und meiner Brotzeit saß ich da und genoss einfach nur diese monumentale Aussicht.
Der letzte Trail ins Paradies
Die Abfahrt begann technisch: Die ersten 200 bis 300 Höhenmeter sind sehr schwierig und verlangten noch einmal einige Schiebepassagen. Doch schließlich erreichte ich die kleine Straße, die sich in scheinbar endlosen Serpentinen hinunter nach Torbole windet. Mit jedem Meter wurde die Luft wärmer und das Blau des Sees größer.
In Torbole angekommen, gab es das obligatorische Ankunftsritual: Erst ein heißer Espresso zum Aufwärmen und dann – nach sieben Tagen voller Höhen und Tiefen, Schweiß und Regen – das erste, wohlverdiente Weizen direkt am Ufer.
Hotel Villa Clara













































