Alpenüberquerung 2022: Scharnitz– Torbole (499km, 12807Hm)
Eine Reise durch Karwendel, Zillertal und Dolomiten – bis zum ersten Gardasee-Blick am Monte Altissimo. Zwischen harten Anstiegen, Gewitterflucht und Trail-Abenteuern gab es einige Tiefpunkte, aber umso mehr unvergessliche Gänsehaut-Momente
Streckenübersicht:
- Tag 1: Scharnitz→ Fügen (77 km, 1690 Hm) |
Tag 1 .gpx-Datei
Karwendel‑Klassiker bei Hitze: langer Anstieg zur Karwendelhütte, steile/geröllige Abfahrt; Plumsjoch mit kurzer, sehr steiler Schlussrampe, anspruchsvoller Downhill zum Achensee. Wichtig: oft Wasser auffüllen. Hotel Central top, Abendessen im Gasthof Aigner enttäuschend. - Tag 2: Fügen → Kematen (74 km, 1880 Hm) |
Tag 2 .gpx-Datei
Einrollen bis Mayrhofen, via Ginzling/Breitlahner zum Schlegeis. Pfitscher Joch: ca. 6/8 km Schieben/Tragen, hochalpin. Nieselregen am Pass, dann schnelle Forstweg‑Abfahrt ins Pfitschtal. Hotel Alpenrose: klein, sehr sauber, starkes Essen. - Tag 3: Kematen → St. Vigil/Enneberg (65 km, 2035 Hm) |
Tag 3 .gpx-Datei
Sehr steiler Auftakt Richtung Pfunderer Joch, Wasser erst ab ~2200 m; letzte 200 Hm tragen. Anspruchsvolle, aber lohnende Trailabfahrt zur Weitenbergalm (Kuchen!) und nach Vintl. Zähes Auf‑und‑Ab via Ehrenburg/Saalen nach Enneberg. Bike‑Service, Hotel Teresa mit Wellness. - Tag 4: Enneberg → Canazei (63 km, 1860 Hm) |
Tag 4 .gpx-Datei
Rautal zur Pederü, steile Serpentinen aufs Fanes‑Plateau; Hitze, kaum Schatten, Kreislauf am Limit. Technisch harte, teils zu schiebende Abfahrt nach Armentarola. Weiter über Pralongià/Campolongo; Gondel Belvedere, Panorama an der Marmolada (tragisches Ereignis kurz danach). Trail zum Pordoijoch, letzter Straßenschub nach Canazei. Hotel Croce Bianca: Werkstatt & Spa top, Abendessen mau. - Tag 5: Canazei → Borgo (107 km, 1952 Hm) |
Tag 5 .gpx-Datei
Radweg nach Moena, Gondel Lusia. Gewitterdrohung: Straße zum Passo Rolle, Eilabfahrt nach San Martino, Gondel Tognola, rutschiger Trail nach Caoria. Langer, nasser Aufstieg zum Passo Cinque Croci; Hütte Forestale leer, mentale Krise – dann Wetterdreher, Sonnenfenster, Wasser am Brunnen, Gänsehaut‑Comeback. Grandiose Abfahrt nach Borgo, Locanda sehr empfehlenswert. - Tag 6: Borgo → Rovereto (63 km, 1490 Hm) |
Tag 6 .gpx-Datei
Hitze. Kaiserjägerweg hinauf: schmale, ruhige Straße, großartige Blicke ins Valsugana. Über Carbonare/San Sebastiano zum Passo Sommo, schnelle Abfahrt nach Folgaria, Espresso‑Stopp. Direktvariante nach Rovereto (statt Monte Finonchio). B&B Corte Santa Maria: top Lage, Frühstück knapp. - Tag 7: Rovereto → Torbole (50 km, 1900 Hm) |
Tag 7 .gpx-Datei
Hitzefinale über Brentonico/Graziani zum Monte Altissimo; Etappen‑Taktik gegen 1900 Hm am Stück. Emotionaler Gipfelmoment mit erstem Gardasee‑Blick. Technisch grober Trail zum Monte Varagna, dann Straße; ein später Trail entpuppt sich als Schiebeorgie. Zieleinlauf in Torbole: Espresso, Weizen, Sprite. Hotel Caminetto ideal gelegen.
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Wichtiger Hinweis (bitte unbedingt lesen):
Ich kann keine Garantie geben, dass die Routen heute noch 1:1 genauso fahrbar sind. In den Alpen können sich Wege jederzeit ändern – zum Beispiel durch Baustellen, Sperrungen oder Naturereignisse (z. B. Erdrutsch). Ebenso kann ich nicht garantieren, dass eine Route für jede Person machbar ist – das hängt immer von Fitness, Tagesform und fahrtechnischer Erfahrung ab. Die Verantwortung für Planung, Einschätzung und Durchführung deiner Tour liegt daher vollständig bei dir.
In der Karte erlebst du die gesamte Alpenüberquerung, ergänzt durch zahlreiche Bilder der schönsten Highlights:
Einschätzung gesamthafte Transalp:
Kondition:
Fahrtechnik:
2022_Transalp_Gesamte Strecke.gpx
Erster Tag: Scharnitz – Fügen || 77km, 1690Hm
2022_Tag1 Scharnitz – Fügen
Karwendel-Klassiker und Hitze-Schlacht – Von Scharnitz ins Zillertal
Das Abenteuer 2022 startete pünktlich um 9:00 Uhr in Scharnitz. Kurz vor der östereichischen Grenze gibt es einen Wanderparkplatz in der Nähe vom Paintballfeld, wo man das Auto für 10 Tage parken kann (Bargeld ist erforderlich für das Parkticket!). Auf dem Plan stand ein echter Mythos: das Karwendel. Doch schon auf den ersten Kilometern wurde klar: Dieser Tag wird eine Geduldsprobe für Körper und Geist.
Endloses Kurbeln zur Karwendelhütte
Der Anstieg Richtung Karwendelhütte ist eigentlich moderat, aber er zieht sich wie Kaugummi. Fast 25 Kilometer lang geht es stetig bergauf. Der Weg durch das Karwendeltal ist landschaftlich zwar wunderschön, aber die Distanz in Kombination mit der brennenden Sonne bei fast 30 Grad am Vormittag forderte ihren Tribut. Oben an der Hütte angekommen, war die Pause mehr als verdient. Die anschließende Abfahrt ins Tal war jedoch kein reines Vergnügen: Viel loses Geröll machte die Fahrt technisch tückisch und verlangte volle Konzentration.
Die Wand zum Plumsjoch
Wieder im Tal angekommen, rollte ich ein Stück entspannt auf einer Teerstraße am Fluss entlang, bevor der nächste Brocken wartete: der Abzweig Richtung Plumsjochhütte. Umdrehung für Umdrehung sammelte ich die ca. 600 Höhenmeter und zum Glück habe ich zuvor bei der Hagelhütte meine Flaschen noch aufgefüllt. Bei der Hütte gab es die überlebenswichtige Spezi, bevor ich das letzte, extrem steile Stück zum eigentlichen Plumsjoch in Angriff nahm. Nach ca. 15 Minuten hat man auch dieses Stück gemeistert.
Was dann folgte, war Adrenalin pur: Die Abfahrt hinunter zum Achensee ist zwar wunderschön, aber unfassbar steil. Man muss die Bremsen ordentlich fordern, um sicher zum Seeufer zu gelangen. Von Eben am Achensee aus ging es über die Rodelstrecke rasant weiter talwärts. Ein kurzes Stück auf der Hauptstraße, die Autobahn überqueren, und dann auf Nebenwegen Richtung Etappenziel Fügen.
Hitzeschlacht und Kulinarik-Check
Das Wetter an diesem ersten Tag war extrem – eine brütende Hitze, die jeden Tropfen Wasser aus dem Körper saugt. Mein wichtigster Tipp für diese Etappe: Nutzt wirklich jede Gelegenheit, um eure Trinkflaschen aufzufüllen! Ohne konstante Flüssigkeitszufuhr geht hier gar nichts.
In Fügen angekommen, war ich mit meinem Hotel (Hotel Central) sehr zufrieden – ein echtes Wohlfühlquartier. Beim Abendessen im Gasthof Aigner hatte ich allerdings weniger Glück: Das Essen war leider keine Offenbarung nach so einem harten Tag im Sattel.
Zweiter Tag: Fügen – Kematen || 74km, 1880Hm
2022_Tag2 Fügen – Kematen
Vom Zillertal über die Grenze in das Pfitschertal
Nach einer erholsamen Nacht und einem erstklassigen Frühstück startete ich um 8:15 Uhr hochmotiviert in den Tag. Das erste Teilstück war wie gemacht zum Einrollen: Rund 25 Kilometer führt ein wunderschöner Radweg direkt am Fluss entlang bis nach Mayrhofen.
Proviant-Check und Tunnel-Fahrt
In Mayrhofen legte ich einen strategischen Stopp ein: genügend Proviant wanderten in den Rucksack – Treibstoff für das, was noch kommen sollte. Ab Mayrhofen schraubt sich die Teerstraße Richtung Ginzling nach oben. Ein kleiner Tipp für Nachfahrer: Die Tunnel auf dieser Strecke lassen sich super mit dem Bike bewältigen, da es Gehwege gibt, auf denen man entspannt und sicher am Verkehr vorbeikommt.
Ab Ginzling wird es landschaftlich immer reizvoller. Es gibt eine Parallelstraße zur Hauptstraße, die sich mit angenehmer Steigung bis zur Breitlahner Hütte zieht. Dort gab es eine kleine Kraftnahrung aus Nüssen, bevor der mautpflichtige Abschnitt begann. Für uns Mountainbiker gibt es hier eine eigene Route, die allerdings ordentlich Biss hat, aber sicherer ist, als der lange Tunnel bei doch hohen Verkehrsaufkommen. Bei etwa 1.600 Höhenmetern brauchte ich die erste Stärkung, während Petrus ein kurzes Gastspiel mit leichtem Regen gab – Regenkombi an, drei Minuten später wieder aus, das klassische Wechselspiel eben.
Das Pfitscher Joch: 6 Kilometer Schwerstarbeit
Der Weg zum Schlegeis-Stausee führt in herrlichen Serpentinen über den Asphalt nach oben und bietet am Ziel ein grandioses Panorama. Doch nach dem See beginnt der Ernst des Lebens: Der Anstieg zum Pfitscher Joch.
Ganz ehrlich? Der Wanderweg ist für Biker so gut wie nicht befahrbar. Von den 8 Kilometern bis zum Joch musste ich gute 6 Kilometer schieben oder tragen. Es gibt zwar kurze Schiebehilfen (ca. 200 m lang), aber der Großteil ist knallharte Arbeit im alpinen Gelände. Allerdings waren auf dem Wanderweg viele kleine Bagger und Bauarbeiter am Werk. Vielleicht wurde der Wanderweg etwas für Mountainbiker entschärft (Stand 07/2022).
Grenzerfahrung und Gourmet-Finale
Oben am Joch angekommen, markiert der Grenzstein den Übergang von Österreich nach Italien. Trotz erneut einsetzendem Nieselregen kurbelte ich noch die letzten Meter zum Pfitscher Joch Haus hoch, um das obligatorische Beweisfoto zu schießen.
Die Belohnung folgte sofort: Eine fantastisch ausgebaute Forststraße führt in einer rasanten Abfahrt hinunter ins Pfitschtal nach Kematen. Im Hotel Alpenrose fand der Tag einen perfekten Abschluss. Das Zimmer war zwar kompakt, aber blitzsauber – und das Essen? Ein Traum und die perfekte Stärkung für den nächsten Tag.
Dritter Tag: Kematen – Marebbe || 65km, 2035Hm
2022_Tag3 Kematen – Marebbe
Über das Pfunderer Joch – Hochalpine Leiden und Südtiroler Wellenritt
Der dritte Tag startete früh und mit einer klaren Mission: Das Pfunderer Joch bezwingen. In Kematen deckte ich mich noch schnell mit Proviant ein, denn ich wusste, dass die Zivilisation für die nächsten Stunden weit weg sein würde.
Die 2.000er-Marke und die Tücke der Steigung
Gleich zu Beginn ging es ans Eingemachte. Die ersten vier Kilometer schrauben sich extrem steil nach oben. Mein Tipp für alle Nachfahrer: Bleibt im Sattel, solange es geht! Wenn man hier einmal absteigen muss, ist die Steigung so extrem, dass man oft bis zur nächsten Kehre schieben muss, um überhaupt wieder aufsteigen zu können.
Zudem ist das Thema Wasser hier kritisch: Es gibt im unteren Teil keine Möglichkeiten zum Auffüllen. Erst ab einer Höhe von ca. 2.200 Metern bietet der Bach verlässliches Trinkwasser. Aber Vorsicht: Achtet auf die Kühe weiter oben, bevor ihr eure Flaschen füllt! Ab hier endet auch der schönere Weg und ist nun ein klassischer Wanderweg. Trotzdem kann man noch einige Passagen fahren.
Gipfelglück auf 2.600 Metern
Die letzten 200 Höhenmeter zum Joch ließen sich dann aber nicht mehr fahren. In einer Mischung aus Schieben und Tragen kämpfte ich mich die steilen Pfade hinauf, bis ich schließlich auf fast 2.600 Metern stand. Die Aussicht? Absolut grandios! Ein kleines Schneefeld trotzte noch der Sonne – ein Überbleibsel des Winters, das normalerweise wohl deutlich größer ausfällt. Nach einer kurzen Stärkung wurde es ziemlich schnell frisch und schob mein MTB ein paar Meter am Schneefeld sicher vorbei.
Die Abfahrt hinunter zur Weitenbergalm war technisch teilweise höchst anspruchsvoll und zwang mich zu einigen Absteigern. Aber es sind auch sehr viele wunderschöne Passagen zum Genießen dabei. Ab der Weitenbergalm (hervorragender Kuchen!) ging es jedoch im rasanten Tempo abwärts bis nach Vintl.
Das demotivierende Auf und Ab nach St. Vigil
In Vintl füllte ich mein Proviant im Supermarkt wieder auf und kühlte meine Beine mit dem kalten Wasser des Dorfbrunnens. Von Vintl aus wählte ich die Route über Ehrenburg nach Montal. Man muss nun auf die andere Seite des Tals kommen und ein kurzes steiles Stück zum Torglerhof bis nach Saalen sich hinaufkämpfen. Ab hier war es ein ständiges Auf und Ab. Diese Wellen zwischen Saalen und Enneberg (Marebbe) können am Ende eines langen Tages echt an den Nerven zerren.
Wellness und Werkstatt-Service
In Enneberg angekommen, gönnte ich meinem Bike erst mal etwas Liebe. Für schmale 5 € wurden im Bikeshop Kette und Schaltung gereinigt und neu geschmiert – nach dem Staub der Pfunderer-Abfahrt dringend nötig. Da der nächste Tag ein Sonntag war, erledigte ich auch gleich noch den Einkauf.
Der Tag endete im Hotel Teresa. Ein absoluter Volltreffer mit Halbpension und einem Wellnessbereich, der die müden Beine wieder zum Leben erweckte.
Vierter Tag: Marebbe – Canazei || 63km, 1860Hm
2022_Tag4 Marebbe – Canazei
Dolomiten-Drama und Trail-Rausch – Von der Fanes-Hochebene nach Canazei
Der vierte Tag startete um 8:15 Uhr mit dem sanften Einrollen durch das malerische Rautal bei herrlichen Sonnenschein. Die Steigung bis zur Pederü-Hütte ist kaum spürbar – die Ruhe vor dem Sturm. Denn ab der Hütte schraubt sich der Weg in steilen Serpentinen hinauf auf das Fanes-Plateau.
Hitzeschlacht und Kreislauf-Check
Die Sonne brannte unerbittlich, und da es auf dem Aufstieg kaum Schatten oder Wasserquellen gibt, meldete sich mein Kreislauf. Auf der Fanes-Hütte war deshalb erst mal ein Notstopp angesagt: Ein kaltes Spezi und beide Flaschen randvoll mit frischem Bergwasser auffüllen! Nach einer längeren Pause am Limojoch (kurze Schiebestrecke) kehrten die Lebensgeister glücklicherweise zurück und war mal wieder vom Panorama überwältigt.
Technik-Check im Abstieg nach Armentarola
Der Weg hinunter nach Armentarola ist nichts für schwache Nerven. Das Gelände ist extrem steil, verblockt und teilweise mit hohen Stufen durchsetzt. Hier musste ich das Bike oft schieben oder sogar tragen – ein kräftezehrender Abschnitt, der volle Konzentration fordert und viel Zeit kostete. Unten angekommen überlegte ich kurz die Gondel in St. Kassian zum Piz de Sorega zu nehmen, aber mein Kreislauf hat sich wieder gut erholt und im Zeitplan war ich nur etwas hinterher.
Panorama-Glück am Campolongo
Wieder im Sattel, ging es knackig steil bergauf Richtung Prangolia. Sobald man die Baumgrenze hinter sich lässt, entschädigt das gigantische Panorama für jeden Schweißtropfen. Nach einem Espresso und einer Traubenschorle zur Stärkung auf der Hütte Pralongia peilte ich Arabba an. Über die angelegten Trails geht es Richtung Campolongopass. Da ich dann doch etwas unter Zeitdruck stand, wählte ich vom Campolongo-Pass die direkte Straßenabfahrt nach Arabba.
Gänsehaut-Moment an der Marmolada
In Arabba nahm ich die Gondel zum Belvedere. Dort traf ich einen Guide, der mir einen cleveren Weg zum Pordoijoch zeigte, um unnötige Höhenmeter zu vermeiden. Oben schoss ich noch beeindruckende Bilder der Marmolada. Erst später erfuhr ich die schreckliche Nachricht: Nur eine Stunde nach meinem Foto brach ein Teil des Gletschers ab – ein tragisches Ereignis, bei dem auch Menschen ihr Leben verloren. Das rückt die eigenen Anstrengungen am Berg sofort in ein ganz anderes Licht.
Trail-Spaß zum Finale
Der Trail zum Pordoijoch war technisch anspruchsvoll mit einigen Absteigern, gefolgt von den letzten 200 Höhenmetern auf der Straße zum Joch. Dort traf ich die Gruppe Biker wieder, mit denen ich den ersten Teil des Trails Richtung Canazei rockte – ein absolutes Highlight! Da mein körperlicher Akku aber endgültig leer war, wechselte ich für die zweite Hälfte auf die Straße, um direkt zum Hotel zu rollen.
Luxus-Check in Canazei
Das Hotel Croce Bianca im Zentrum von Canazei war ein Volltreffer für das Material: Es gibt eine top ausgestattete Werkstatt mit sämtlichen Tools. Der Spa-Bereich ist riesig und das Frühstück erstklassig. Einziger Wermutstropfen: Das Abendessen war für den hohen Preis sehr überschaubar.
Fünfter Tag: Canazei – Borgo || 107km – 1952Hm
2022_Tag5 Canazei – Borgo
Der Tag begann um 8:15 Uhr fast schon idyllisch. Auf einem wunderschönen Radweg rollte ich am Fluss entlang Richtung Moena. In diesem Moment ahnte ich noch nicht, wie emotional dieser Tag werden würde. Ein kleiner Tipp zur Zeitplanung: Die 200 Höhenmeter bis zur Gondelstation in Moena ziehen sich mehr als gedacht! Dennoch schaffte ich es pünktlich um 9:00 Uhr zur Bahn zum Passo di Lusia, von wo aus eine lange Abfahrt Richtung Paneveggio führte.
Verschwundene Trails und der Wettlauf gegen das Gewitter
Dann der erste Dämpfer: Ein auf der Karte verzeichneter Trail existierte schlichtweg nicht. Ich verfuhr mich kurz und kann nur raten: Bleibt im Zweifel auf den ausgebauten Wegen! Da am Horizont bereits dunkle Gewitterwolken aufzogen, entschied ich mich für die sicherste Variante zum Passo Rolle über die Hauptstraße. Die geplante Umrundung des Costazza-Gebirges musste ich schweren Herzens auslassen – eine Entscheidung, über die ich im Nachhinein mehr als froh war.
Trotz des Verkehrs war die Steigung okay, während die ersten Regentropfen auf meine Jacke prasselten. Die Wolken wurden bedrohlich dunkel. Ich raste die Hauptstraße nach San Martino hinunter und ließ den schönen Trail links liegen – die Angst, dass die Gondel zum Tognola wegen des Gewitters eingestellt wird, saß mir im Nacken. An der Talstation angekommen, warnte mich ein Mitarbeiter: In einer Stunde bricht das Unwetter los. Mein Plan: In weniger als einer Stunde im nächsten Tal in Sicherheit zu sein.
Flucht vor der Naturgewalt
Kaum hatte mich die Gondel am Gipfel ausgespuckt und ich meine Flaschen gefüllt, brach das Unwetter mit voller Wucht los. Regen und Donner machten den anspruchsvollen Trail nach Caoria zu einer rutschigen Schlammschlacht. Bei solchen Bedingungen braucht man bergab ewig, aber ich musste so schnell wie möglich weg vom Grat. Zu meinem Glück hörte das Donnern bald auf, und ich erreichte das Tal etwas beruhigter.
In Caoria angekommen, musste ich erst einmal tief durchatmen. „Etwas Essen und eine volle Flasche – das muss bis zur Hütte Forestale reichen“, redete ich mir ein. Dann begann der endlose Anstieg Richtung Passo Cinque Croci.
Der Tiefpunkt im nasskalten Grau
Der Regen hörte nicht auf. Meine Motivation sank auf den Nullpunkt, ich hinterfragte jede Entscheidung dieser Tour. In einer Gaststätte fragte ich verzweifelt nach einem Shuttle – die Antwort war ein hartes „Nein“. Heute frage ich mich, was ich mir davon erhofft hatte. In meiner Erschöpfung vergaß ich sogar, dort meine zweite Flasche zu füllen – man kann einfach nicht mehr klar denken, wenn der Körper am Ende ist. Also hieß es: Zähne zusammenbeißen. Höhenmeter für Höhenmeter kämpfte ich mich nach oben. Einziger Lichtblick: Meine Regenausrüstung hielt absolut dicht.
Das emotionale Comeback: Tränen am Brunnen
An der geplanten Raststation, der Hütte Forestale, folgte der nächste Schlag: Die Hütte war komplett verlassen (Stand 07/2022), kein Brunnen, kein Wasserhahn. Ich studierte die Karte, blickte in den grauen Himmel und versuchte, nicht die Fassung zu verlieren. Normalerweise höre ich nie Musik beim Biken, aber jetzt brauchte ich sie. Mit meiner Lieblingsmusik im Ohr und der penibel eingeteilten Rest-Flasche passierte nach einer Ewigkeit das Wunder: Der Regen stoppte.
Der Himmel riss langsam auf und meine Laune schoss in die Höhe. Die letzten 300 Höhenmeter wurden zum mentalen Triumphmarsch. Als die 1.800er-Marke knackte, wusste ich: Ich bezwinge diese Höllentour! Kurz vor der Malga Val Cion trafen mich die ersten echten Sonnenstrahlen. Als ich die Pferde auf den Weiden sah und von weitem den Brunnen an der Hütte entdeckte, schossen mir mit Gänsehaut am ganzen Körper die Freudentränen ins Gesicht.
Der Genuss nach der Qual
Oben am Plateau des Passo Cinque Croci wurde ich mit einem Panorama belohnt, das man nicht beschreiben kann. Die lange Abfahrt nach Borgo war Genuss pur. Es wurde immer wärmer, und ein wolkenloser Himmel begrüßte mich im Tal. Wer hätte das am Vormittag gedacht?
Mein Quartier, das Locanda in Borgo, war die perfekte Belohnung: unglaublich freundlich und stilvoll. Auch das Abendessen im Ort war perfekt. Noch heute, wenn ich im Alltag in schwierigen Situationen stecke, erinnere ich mich an diesen Tag und weiß: Man schafft so viel mehr, als man denkt.
Sechster Tag: Borgo – Roveretto; 63km, 1490Hm
2022_Tag6 Borgo – Rovereto
Kaiserjägerweg und Espresso-Stopp – Entspanntes Rollen nach Rovereto
Nach der emotionalen Grenzerfahrung am Vortag läutete ich den sechsten Tag etwas ruhiger ein. Die Beine waren schwer, und die italienische Sonne meinte es wieder einmal besonders gut mit mir – es war extrem heiß.
Historische Kurven am Kaiserjägerweg
Von Borgo aus rollte ich zunächst entspannt Richtung Levico, bevor der Anstieg des Tages wartete: der legendäre Kaiserjägerweg. Die knapp 1.000 Höhenmeter hinauf nach Spiazzo Alto ließen sich erstaunlich gut treten. Die Straße ist hier teilweise abenteuerlich schmal, was aber einen entscheidenden Vorteil hat: Die Autofahrer sind extrem vorsichtig und langsam unterwegs, was das Bergauffahren deutlich entspannter macht. Immer wieder wird man mit dem traumhaften Blick zurück in das Suganer Tal mit dem Lago di Caldonazzo belohnt. Dieser Aufstieg kann man nur weiterempfehlen.
Hochebenen-Idylle und Kaffeekultur
Oben angekommen, änderte sich die Szenerie. Die Route führte mich durch wunderschöne kleine Dörfer und schattige Waldabschnitte nach Carbonare und San Sebastiano. Den Passo del Sommo nahm ich fast im Vorbeigehen mit, bevor ich auf der Hauptstraße nach Folgaria abfuhr. Einfach herrlich!
In Folgaria legte ich eine wohlverdiente Pause ein. Dieses Dorf ist wirklich ein Schmuckstück und man sollte sich die Zeit nehmen, das Flair zu genießen. Bei einem Espresso und kühlen Getränken füllte ich meine Speicher auf. Eigentlich hätte die Route noch über den Monte Finonchio (+400 Hm) und den dortigen Trail nach Rovereto geführt, aber nach der gestrigen Königsetappe entschied ich mich für die direkte Variante über die Hauptstraße. Es würde auch ein Wanderweg/Trail entlang der Hauptstraße geben, allerdings habe ich nie eine Abzweigung gesehen und ein Blick auf die Höhenlinien lassen vermute, dass es kaum fahrbar ist.
Hitzewelle im Etschtal
Die Abfahrt auf der Straße war purer Fahrspaß, auch wenn man mit jedem verlorenen Höhenmeter merkte, wie die Hitze des Tals heraufzog. Unten angekommen, ging es auf der geschichtsträchtigen Via Claudia Augusta im Eiltempo nach Rovereto. Da ich bereits um 14:30 Uhr ankam, blieb genug Zeit, um die Stadt zu erkunden.
Ankunft im B&B
Mein Quartier, das B&B Corte Santa Maria, war wieder ein Glücksgriff. Das Fahrrad fand im Keller einen sicheren Platz, und die Lage war ideal, um durch die schönen Gassen von Rovereto zu schlendern. Einziger kleiner Abzug: Das Frühstück war mit nur einem Croissant etwas spärlich für einen hungrigen Biker – aber dafür ist Rovereto voll von fantastischen Cafés!
Siebter Tag: Rovereto – Torbole || 50km, 1900Hm
2022_Tag7 Rovereto – Torbole
Das Gipfel-Finale – Über den Monte Altissimo zum Gardasee
Der letzte Tag brach an, und die Wettervorhersage ließ keinen Zweifel: Es würde eine weitere Hitzeschlacht werden. Um der Mittagssonne so gut wie möglich zu entfliehen, saß ich bereits kurz nach 8:00 Uhr im Sattel. Über die historische Via Claudia Augusta rollte ich zunächst entspannt nach Mori, doch dann wartete der Endgegner: ein Anstieg von satten 1.900 Höhenmetern am Stück.
Strategie gegen die Hitze und den Verkehr
Das erste Teilstück von Mori nach Brentonico führt über die Hauptstraße. Ganz ehrlich: Bei dem starken Verkehr macht das wenig Spaß. In Brentonico legte ich einen überlebenswichtigen Stopp ein: Vier Liter Wasser und ordentlich Proviant wanderten in den Rucksack, denn ich wusste, dass es auf dem Weg zum Gipfel kaum Möglichkeiten zum Auffüllen geben würde.
Ab Brentonico wurde es deutlich ruhiger und die Landschaft übernahm die Regie. Um die gewaltige Höhe zu bewältigen, setzte ich auf eine bewährte Mentaltaktik: Etappenziele. Alle 200 bis 300 Höhenmeter gönnte ich mir eine kurze Pause. Das half mir enorm, den Fokus zu behalten, während das Panorama mit jedem Meter spektakulärer wurde.
Der magische Moment am Altissimo
Nach einer letzten Stärkung kurz hinter der Malga Graziani ging es in das finale Steilstück. Der Weg zum Monte Altissimo ist technisch anspruchsvoll und zwang mich einige Male aus dem Sattel. Doch hinter jeder Kurve stieg die Spannung: „Sehe ich ihn schon?“ Kurz vor dem Gipfel blitzt er dann endlich auf – der Gardasee. Das Gefühl am Gipfelkreuz, wenn einem dieser grandiose Blick über den gesamten See und die umliegenden Bergriesen zu Füßen liegt, ist unbeschreiblich. Geschafft!
Trail-Abenteuer und Schiebepassagen zum See
Nach dem Gipfelglück folgte die Abfahrt. Der Trail zum Monte Varagna ist mit seinen großen, losen Steinen extrem anspruchsvoll, hat aber trotzdem riesigen Spaß gemacht. Ab dem Varagna ging es dann auf einer kleinen Straße rasant bergab.
Im unteren Teil packte mich noch einmal die Abenteuerlust und ich probierte verschiedene Trails aus. Der Coast Trail führte leider ins Nichts, sodass ich zurück zur Straße queren musste. Zum Abschluss wagte ich mich auf einen Trail. Leider weiß ich nicht, wie der heißt. Mein Fazit: Brutal! Ich musste ca. 80 % der Strecke schieben, was am Ende einer sieben-tägigen Tour noch einmal richtig an die Substanz ging.
Das Ankunftsritual in Torbole
Als ich schließlich das Ufer in Torbole erreichte, gab es kein Halten mehr. Das Trio aus Espresso, Weizen und Sprite war die wohlverdiente Belohnung für die Strapazen der letzten Tage. Mein Hotel, das Caminetto, punktete wie im Vorjahr durch seine hervorragende Lage und Sauberkeit – der ideale Ort, um die Tour Revue passieren zu lassen.










































